00:10
Herzlich willkommen zum SF-Krimi-Podcast. Mein Name ist Wolfram Höll und ich möchte den Krimi-Sommer gern mit sechs Frauen verbringen. Eine davon steht bei mir, Susanne Jansson.
00:25
Hallo Wolfram, sie steht da mit großen Augen und fragt sich, wie viel von dieser Hörspielserie aus den 60ern wohl auf dich abfärbt, ohne dass ich es mitbekomme. Wir hatten noch ein ausführliches Gespräch über Chauvinismus und Sexismus. Da kannst du jetzt nicht die Anmoderation vom zweiten Teil starten mit, du willst den Sommer mit sechs Frauen verbringen. Geht auch rechnerisch nicht, weil eine ist schon tot. Mindestens eine.
00:47
Du bist zwar völlig unverfänglich gemeint.
00:51
Ich möchte Sie gerne mit dieser tollen Krimi-Serie verbringen, die wir haben, die fünf tote alte Damen heißt. Und mit der Frau, mit der ich über diese Serie spreche, mit dir, Susanne Jansson.
01:03
Wie überlegt sich das nochmal, die Frau?
01:06
Du hast schon gesagt, eine ist schon tot, eine der alten Damen. Wir haben am Ende der ersten Folge gehört, dass auch eine zweite ältere Frau gestorben ist, nämlich die Tante von Möchtelt.
01:19
Groß, der Sprechstundenhilfe, unsere Hauptfigur vom Doktor Klein.
01:24
Genau, jetzt hat Wolfram schon eigentlich die wichtigsten Personen umrissen. So viele mehr gibt es auch nicht. Aber außerdem gibt es dankenswerterweise auch am Beginn dieser zweiten Folge eine schöne Zusammenfassung.
01:37
Das ist immer wirklich ein wunderbares Geschenk von unseren Vorgängerinnen und Vorgängern. Beim Radio, wenn sie das gemacht haben, dann kriegt man alles schon in der Welt wunderbar erklärt.
01:45
Entschuldige, wir loben das immer so, aber ich kann mich gar nicht erinnern, dass wir das so viel machen bei unseren Serien.
01:51
Nee, gar nicht. Wir sind eben schlecht. Wir sind eben total schlecht. Schlechterzogene Brut. Wir sind wirklich schlecht. Wir nehmen gerne die Geschenke der Vorväter und Vormütter. Aber wir lernen nichts aus ihrem Beispiel. Aber wir können euch auf jeden Fall jetzt mit gutem Gewissen viel Vergnügen wünschen bei der zweiten toten alten Dame von Hans Kohl. Viel Spaß.
02:37
Ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt, dass tote alte Damen mich außerhalb der Sprechstunde erschreckten. Erst diese Jenny Herwig Fast 80. Ein altes Herz, das aufgehört hatte zu schlagen. Ein normaler Fall sozusagen. Kein Grund, misstrauisch zu sein. Nur dieser Rechtsanwalt, Krompecher, mit den Eiszapfenaugen schien Unrat zu wittern. Wozu sonst seine seltsamen Fragen?
03:10
Immerhin, irgendetwas war mir auch merkwürdig vorgekommen, an diesem Abend im Zimmer bei der toten Frau.
03:17
Nur, ich wusste nicht mehr, was es war. Und jetzt am Sonntagmorgen um halb acht der Anruf, ausgerechnet von dem Mädchen Mechthild, meiner neuen Sprechstundenhilfe. Ich hatte längst den Telefonhörer aufgehängt, aber ihre Stimme war mir noch im Ohr.
03:36
Meine Tante, ich habe sie eben wecken wollen. Ich glaube, sie ist, sie ist tot.
03:44
Ich spülte also den schönen Schlaf mit kaltem Wasser aus meinem Gesicht, entfernte den Bart und zog mich an. Während ich eine Tasse viel zu heißen Tee trank, sah ich nach dem Horoskop in der Zeitung. Ein ruhiges und angenehmes Wochenende steht Ihnen bevor. Nehmen Sie alles von der heiteren Seite. Vorsicht beim Autofahren. »Vielen Dank«, sagte ich zu der Zeitung.
04:11
ging hinüber zur Praxis, griff meine Besuchsmappe, schloss sorgfältig ab und bestieg mein betagtes Vehikel. Nach einigen Umwegen und Fragen fand ich die Wendelstraße. Es war eine friedliche Gegend. Kleine, saubere Ein- und Zweifamilienhäuser. Das Haus Nummer 8 lag etwas weiter zurück als seine Nachbarhäuser und sein Vorgarten war größer. Unter der Klingel sah ich ein Messingschild, Bertha Scherf.
04:39
Darunter war mit zwei weißköpfigen Heftzwecken ein Pappschildchen befestigt. Die Schrift darauf erkannte ich auf Anhieb, trotz der sorgfältig gemalten Druckbuchstaben. Mechthild Groß. Die Pforte war nur eingeschnappt. Ich ging über einen sauber gehackten Kiesweg. Sechs Stufen führten hoch zur Eingangstür. Eine zweite Klingel war da. Ich drückte darauf und wartete.
05:05
Aus der Tiefe des Hauses klangen Schritte, eine Treppe herunter und her zur Tür. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie Mechthild weinen würde. Jetzt sah ich es.
05:20
Herr Doktor, entschuldigen Sie, dass ich... Schon gut, Mechthildchen.
05:25
Es tut mir leid, dass ich Sie angebrüllt habe am Telefon. Kommen Sie, sehen wir nach.
05:32
Wo ist... Ich meine...
05:35
Oben im ersten Stock.
05:39
Sie wischte durch ihr Gesicht und drehte sich schnell um. Ich folgte ihr durch die Diele. Weiter hinten führte eine Treppe nach oben. Mechzelt ging vor mir her. Und ich konnte ihre Beine nicht aus den Augen lassen, trotz des traurigen Anlasses, aus dem ich hier war.
05:54
Oben vor einer Tür mit Glaseinsatz blieb Mechthild stehen. Nur eine matte Helligkeit drang heraus, so als wären die Vorhänge im Zimmer noch nicht aufgezogen aus Furcht vor dem hellen Licht des Tages.
06:05
Mechthild legte die Hand auf die Klinke und wandte sich noch einmal zu mir um. Dann öffnete sie die Tür, trat zur Seite und blieb an der Wand stehen. Ich machte einen Schritt über die Schwelle. Einen Augenblick musste ich mich an das Dämmerlicht gewöhnen. Dann sah ich es.
06:22
Die alte Dame lag verkrümmt auf dem Bett, wie von einer Faust hingeschleudert. Ihr Kopf lag nach rechts hinüber, zum Nachttisch hin. Die Bettdecke war halb zurückgeschlagen und die linke Hand war hineingekrallt. Der rechte Arm hing an der Bettseite hinunter. Die alte Dame hatte ein gütiges Gesicht gehabt. Jetzt war es verzerrt und ihr Mund war geöffnet, als hätte sie einen Schrei ausstoßen wollen, bevor sie starb. Das graue Haar war sauber geordnet. Ein Netz schien es zusammenzuhalten.
06:52
Eine nette alte Dame. Ich musste an das Horoskop denken. Ein ruhiges und angenehmes Wochenende steht ihnen bevor. Es schien mir bestimmt, eine tote alte Dame nach der anderen zu finden. Ich setzte meine Tasche auf den Boden und ging mit behutsamen Schritten zum Fenster.
07:11
Ich fand die Gardinenschnüre und zog. Die Vorhänge schwangen zurück, das Licht überschwemmte das Bett und die Tote. Mechthild rührte sich nicht. Ich nahm meine Tasche wieder auf und trat neben das Bett. Das Handgelenk, das ich anfasste, war kalt und ohne Puls. Der Arm ließ sich leicht bewegen, nichts von Starre war darin.
07:35
Mehrere Stunden musste sie schon tot sein, aber gestern Abend hatte sie noch gelebt, das war sicher. Ihre Augen waren aufgerissen, als sähe sie etwas, das nur sie sehen konnte. Ich schob die Lider über die toten Augen und legte den rechten Arm auf die Bettdecke zurück. Den Kopf rückte ich in die Mitte des Kissens. Dann sah ich schnell nach Wunden oder irgendetwas Auffällige mich fand nicht.
08:02
Von der Tür her kam ein leises Schluchzen. Eben war ich noch ganz allein gewesen mit der Toten und nun fiel mir ein, dass Mechthild auch noch da war. Ich ging zu ihr. Ihre Schultern zuckten unter meinen Händen.
08:15
Sie ist tot.
08:17
Ich rührte mich nicht, als ihr Kopf gegen meine Brust fiel und ihre Tränen samt Make-up in mein Sonntagshemd flossen.
08:25
Sie tat mir wirklich leid und deswegen brachte ich nichts heraus.
08:30
Es ist schrecklich.
08:32
So plötzlich. Gestern Abend war sie noch.
08:36
Armes Mädchen. Sie wohnen noch nicht lange hier?
08:39
Seit drei Wochen. Sie hat mich aufgenommen, weil ich hier in der Stadt arbeiten wollte. Früher habe ich sie oft besucht.
08:46
War sie denn krank? Hat sie etwas gehabt? Herz oder so?
08:51
Ja, ein bisschen mit dem Herzen hatte sie wohl, aber ich glaube nicht, dass es schlimm war. Sie war nur so empfindlich, so schreckhaft. Ein richtiges Nervenbündel.
09:01
Immer regte sie sich auf über jede Kleinigkeit, aber sie war ja auch schon 77. So alt? Ja, aber die Leute haben sie alle für jünger gehalten.
09:10
Wie kommen Sie zu einer so alten Tante?
09:12
Sie ist meine Großtante, die Schwester von meiner Großmutter. Meine Großmutter habe ich gar nicht gekannt. Tante Bertha war für mich so... Ich will es mir noch mal anschauen.
09:23
Wollen Sie dabei sein, oder...?
09:25
Nein, nein, ich bleibe hier.
09:26
Ich ließ sie los und ging zum Bett zurück.
09:29
Jetzt, nachdem die erste Aufregung vorbei war, sah ich mehr, als ich vorhin gesehen hatte. Das Telefon. Es war ein weißer Apparat gewesen, ganz modern. Er lag neben dem Nachttisch auf dem Fußboden. Gezackte Bruchlinien zogen durch das Gehäuse. Ein paar weiße Splitter waren in der Nähe verstreut. Der Hörer lag etwas entfernt, aber er war auf den Teppich gefallen und heil.
09:56
Ich nahm ihn auf und hielt ihn ans Ohr. Die Leitung war tot. Die alte Dame hatte den Apparat heruntergerissen, bevor sie starb. Vielleicht wollte sie Hilfe holen im Todeskampf. Oder hatte sie noch gesprochen? Ich wandte mich um zu Mechtelt und deutete auf das Telefon.
10:20
Das habe ich vorhin auch nicht bemerkt.
10:23
Hat sie telefoniert in der Nacht? Haben sie es klingeln gehört?
10:27
Nein, aber das will nichts heißen. Oben in der Mansarde hört man sowieso kaum was.
10:32
Ich bückte mich noch einmal, um den Apparat aufzuheben. Trotz der Sprünge hielt das Gehäuse leidlich zusammen. Er war so oder so zum Teufel. Ich wollte ihn auf die Nachttischplatte stellen. Da sah ich etwas, das ich kannte. Das Bild. Querformat in einem verschnörkelten Silberrahmen. Fünf junge Mädchen Arm in Arm. Weiße Kleider, Propellerscherpen. Hermann Iago, Kunstlichtbild-Atelier. Höhere Töchter aus der guten alten Zeit. Das Bild, das bei der toten Jenny Herwig auch auf dem Nachttisch gestanden hatte, zwischen digitales Mimosen und Schlaftabletten.
11:07
Ich setzte das Telefon hin und nahm das Bild.
11:11
Auf einmal sah ich das tote Gesicht von Jenny Herwig und die funkelnden Brillengläser des Rechtsanwalts Krombecher vor mir. Natürliche Todesursache? Ganz normaler Fall.
11:23
Ist was?
11:25
Möchtelt, ist Ihre Tante hier drauf?
11:29
Ja, die erste von links.
11:32
Und die anderen?
11:32
Das sind Schulfreundinnen von ihr. Sie waren auf demselben Gymnasium. Sie waren alle so um 19 herum, als es aufgenommen wurde.
11:40
Eine Sekunde schwankte ich, ob ich ihr erzählen sollte, wo ich das Bild schon gesehen hatte. Nein, es hatte Zeit. Wie unabsichtlich drehte ich das Bild herum. Auch über der Rückseite war eine Glasplatte.
11:51
Fünf Namen standen hinten auf der Fotografie säuberlich untereinander mit lila verfärbten Schriftzügen, die sich nicht ähnelten. Bertha Strelko, Alma Wiebach, Agnes Restorf, Jenny Restorf, Dorothea Lindemann. Hinter zwei der Namen war ein Kreuz, schwarz und mit kräftigen Querstrichen. Viel frischere Tinte, ohne Frage.
12:14
Zwei sind schon tot, die eine erst ganz kurze Zeit. Tante Bertha war zu ihrer Beerdigung am Freitag.
12:21
Natürlich. Jetzt fällt's mir ein. Das hat sie ziemlich mitgenommen. Sie war hinterher ganz erledigt.
12:28
Freitag. Jenny war am Dienstag gestorben. Ich betrachtete das Bild und versuchte, mir die Namen einzuprägen. Bertha Strelko, das war die Tante Bertha, verehelichte Scherf. Das erste Tintenkreuz war bei Alma Wiebach, das zweite bei Jenny Herwig.
12:48
Blieben nur noch Agnes Restorf, die ich unter dem Namen Lenzam kannte, und Dorothea Lindemann, die ich nie gesehen hatte. Ich stellte das Bild zurück, ohne es noch einmal anzusehen.
13:00
Hat das irgendetwas mit Tante Bertha zu tun?
13:04
Ich meine, falls ich so... Nein, nein, nein. Mechthild, hatte Ihre Tante einen Hausarzt?
13:11
Ja, den hatte sie.
13:12
Wissen Sie seine Adresse?
13:13
Ja.
13:14
Die steht sicher unten im Telefonbuch.
13:15
Ich möchte ihn anrufen und ihm Bescheid sagen. Auch wegen des Totenscheins ist es besser, wenn er herkommt. Das Telefon hier ist hin. Ich gehe zur nächsten Kabine. Wollen Sie so lange hierbleiben oder wollen Sie gehen?
13:30
Niemand muss gehen. Unten ist noch ein Apparat. Kann umgestellt werden.
13:34
Wir gingen hinaus. Ich drückte die Tür behutsam ins Schloss, als schliefe die alte Dame nur und sollte nicht geweckt werden.
13:42
Mechthild führte mich die Treppe hinunter in die Diele. Ich setzte mich in einen Polstersessel. Das Telefon stand auf einem kleinen Tischchen in Reichweite, genauso weiß wie das im Schlafzimmer. Das Telefonbuch lag in einem Fach darunter. Alles an seinem Platz, wie es sich gehörte. Mechthild fand den Namen des Arztes schnell.
14:00
Hier, hier, Dr. Koch. Geben Sie her. Da, bitte schön.
14:06
Da steht die Nummer. 89 69 72.
14:16
Ich drehte die weiße Scheibe und überlegte dabei meine Rede. Es meldete sich eine brüchige alte Stimme. Schon wieder eine alte Dame. Man konnte schier nervös werden, aber sie wollte ihren Mann rufen.
14:28
Ist er da?
14:31
Sehr alter Herr, was?
14:32
Sehr. Tante Bertha wollte keinen Jungen.
14:35
Haben Sie sich dort auch beworben?
14:36
Nein, nein.
14:38
Ich sagte nicht, dass ich mir das hätte denken können.
14:41
Aus dem Hörer kam eine Stimme gepflegt und sanft. Der Herr Kollege. Ich erzählte ihm in knappen Worten, was passiert war. Er schien sehr betroffen und wollte sofort erscheinen. Ich dankte ihm und legte den Hörer zurück.
14:55
Mechthild sah mich an. Wollen Sie etwas trinken? Kaffee dauert zu lange, aber ich kann Ihnen Ananassaft machen mit Eis.
15:05
Das trinke ich besonders gerne.
15:07
Nur ein paar Minuten.
15:10
Als sie draußen war, kam mir ein Gedanke. Ich nahm noch einmal das Telefonbuch. Zwei der fünf alten Damen müssten noch leben. Ich blätterte. Dorothea Lindemann stand nicht darin. Allerhand Lindemänner, aber keine Dorothea. Sicher hieß sie jetzt anders, oder sie hatte kein Telefon. Ich suchte weiter, mit wenig Hoffnung. Bei Alma Wiebach würde es genauso sein.
15:38
Wie sollte man diese Leute noch finden nach so langer Zeit? Es war wie ein leichter Schlag, als ich den Namen doch fand. Alma Wiebach-Thompson, Musikpädagogin, Beethovenstraße 6. Klar, kein würdigerer Ort für eine Musikpädagogin als die Beethovenstraße. Ich ließ das Buch auf meinen Knien liegen und überlegte. Das war sie. Alma war nicht so häufig. Die jungen Mädchen von heute würden sich bedanken.
16:09
Ich kritzelte die Adresse in mein Notizbuch. Jetzt hatte ich vier. Fehlte nur die Dorothea, Dorothea Lindemann, die noch am Leben sein musste. Als Mechtelt mit dem Saft eintrat, lehnte ich ohne Telefonbuch im Sessel und betrachtete die Bilder an den Wänden. Ich trank und dann schrillte die Klingel im Korridor. Ich stand auf und zog den Schlipsknoten gerade. Der Dr. Koch strahlte Würde aus wie eine ganze Rektorenkonferenz.
16:39
Im Gegensatz zu meinem Windsor-Schlips trug er ein Pastron nach, Altvätersitte. Darüber einen kleinen weißen Spitzbart. Die Augen waren von milder Schärfe und die Haut war rosig. Man konnte die Qualität seiner Weine darin ablesen. Der altmodische Anzug fiel überhaupt nicht auf. Ein anderer hätte nicht zu ihm gepasst. Er hätte es sich leisten können, in der Mode des vorigen Jahrhunderts herumzulaufen. Ganz klar, dass ich Herr Doktor zu ihm sagen würde. Er gab zuerst Mechthild die Hand. Dann war ich an der Reihe. Ich machte eine Verbeugung, wie ich sie in der Tanzstunde geübt hatte, sagte meinen Namen und drückte die Kollegenhand.
17:14
Dann marschierten wir in stummer Reihe die Treppe hinauf. Ich sah ihm zu, wie er untersuchte. Kein Zweifel. Das war ihr Doktor gewesen. Sie stammten aus der gleichen Zeit. Sie hatten sich verstanden und sich von den Blumen erzählt, die sie züchteten und unter denen sie jetzt liegen würde.
17:34
Er richtete sich auf und wischte ganz leicht zwei Fingerspitzen zu seiner Nasenburzel hin. Dann räusperte er sich.
17:43
Tja, es besteht kein Zweifel, Kollege. Ich muss leider Ihre Diagnose bestätigen. Sie werden mir nicht verübeln, wenn ich sage, dass ich es lieber nicht getan hätte.
17:59
Kollege!
18:01
die alte Form aus der Zeit, da die Wissenschaftler noch lateinisch miteinander verhandelt hatten. Aber es war nichts Lächerliches an seinen Worten. Er nahm seinen Spitzbart zwischen die Finger.
18:13
Ein Kasus des akuten Herztodes, sine dubio. Eine Apoplexie erscheint mir weniger wahrscheinlich. Der Blutdruck war nicht ungewöhnlich hoch. Für eine Sklerosis hatte ich keinen beweisenden Anhalt.
18:28
War das Herz denn schlecht?
18:30
Nun, schlecht. Ich will nicht unbedingt sagen schlecht. Es war ein Altersherz, Naturaliter. Eine Mio Degeneratio wird vorgelegen haben, ich bin sicher. Aber ein Vitium Gravis, wenn Sie das meinen, nein, das möchte ich entschieden verneinen. Ein, ich möchte sagen, selbst für dieses Alter...
18:56
Überraschend plötzlich.
18:57
Sie haben nicht digitalisiert.
18:58
Nein, Kollege, ich sagte bereits, es lag keine Veranlassung vor.
19:02
Verzeihung, ich fragte nur, weil in der vergangenen Woche hatte ich einen ganz ähnlichen Fall. Vielleicht haben Sie die Dame gekannt. Es handelt sich um eine Schulfreundin von Frau Scherf. Derselbe akute Herztod. War allerdings unter Digitales. Ich hatte sie von meinem Herrn Vorgänger übernommen.
19:17
Ich erinnere mich. Ich glaube, ich habe einige der Damen hier im Hause kennengelernt.
19:23
Ja, ja, tief bedauerlich, Kollege. Aber wir alten Leute werden nun mal nicht jünger. So ist das Leben. Frau Herwig, Frau Jenny Herwig. Nein, nein, der Name sagt mir nichts.
19:37
Haben Sie noch eine der Damen in Behandlung? Ich kenne auch noch die Schwester von Frau Herwig.
19:42
Nein, Frau Scherf war die Einzige aus diesem Kreise.
19:46
Es schien das zu bedauern. Ich sagte nichts mehr.
19:50
Dr. Koch ging zu Mechthild hinüber, die stumm an der Tür gewartet hatte, und ergriff ihre Hände.
19:56
Mein gutes Kind, ich fühle tief mit Ihnen.
20:01
Sie war eine Liebe, liebe Frau.
20:03
Vielen Dank.
20:08
Sie drehte sich schnell um und verließ das Zimmer. Als Kochs Blick sich zu mir wandte, wies ich auf das Telefon, das ich wieder aufgestellt hatte.
20:17
Ja, ich habe es auch schon bemerkt.
20:19
Der Apparat lag am Boden, zertrümmert. Sieht so aus, als hätte sie versucht anzurufen. Vielleicht Sie, Herr Doktor, als sie merkte, dass es zu Ende ging.
20:28
Das wäre im Bereich des Möglichen. Durchaus im Bereich des Möglichen. Sie pflegte mich zu konsultieren, wann immer sie mich brauchte. Zu spät diesmal. Zu spät. Zu spät.
20:45
Ich werde den Schein unten ausfüllen und dann werde ich mich ein wenig um das arme Kind kümmern.
20:51
Mechthild saß im Wohnzimmer. Vielleicht hatte sie wieder geweint, aber es war nichts mehr davon zu sehen. Dr. Koch setzte sich zu ihr, zog die Formulare aus der Tasche und begann zu schreiben. Ich sah verstohlen über seine Schulter. Alles klar, genau das, was ich auch geschrieben hätte. Kreislaufversagen bei Altersherz. Verdacht auf unnatürlichen Tod? Nein, ganz normaler Fall. Er unterschrieb und stand auf.
21:16
Frau Mechthild, manches ist zu besprechen.
21:20
Sie gestatten, dass ich Ihnen bei dieser traurigen Angelegenheit behilflich bin.
21:25
In so einer Situation ist die Jugend, Gottlob, noch unerfahren.
21:29
Nicht wahr, Herr Kollege?
21:31
Mechthild, Dr. Koch bleibt noch hier. Für mich ist nichts mehr zu tun. Rufen Sie mich an, wenn irgendetwas los ist. Und wenn Sie den nächsten Tagen nicht kommen wollen, ich kann Freien höflich bitten, noch einmal einzuspringen.
21:44
Nein, nein, ich komme.
21:47
So gern ich sie getröstet hätte, so froh war ich, jetzt fortzukommen. Ich fuhr den Weg zurück. Meine Gedanken waren bei dem Bild, das ich nun schon zweimal gesehen hatte und bei den Kreuzen hinter den Dreinahmen. Jenny Herwig, akuter Herztod. Bertha Scherf, akuter Herztod. Alma Wiebach-Thompson. Wie war es bei ihr gewesen?
22:28
Am Mittwoch, nach diesem Lauthoroskop ruhigen und angenehmen Wochenende, wurde Mechthils Tante beerdigt.
22:36
Ich schlug mich allein durch die Vormittagssprechstunde, dann packte ich meine Besuchstasche, holte den Wagen heraus und fuhr meine Besuchstour. Gegen vier war ich fertig. In einem Espresso trank ich einen kräftigen Kaffee. Dann setzte ich mich wieder in den Wagen und suchte auf meinem Stadtplan nach der Beethovenstraße. Langsam rollte ich durch den einsetzenden Berufsverkehr, bis die ersten Namen der Tonkünstler auftauchten. Mozart mündete direkt in Beethoven.
23:05
Das Haus Nummer 6 war hoch und aus wuchtigen Steinen. Wieder so etwas Solides von 1910. Neben dem Tor sah ich ein ehrwürdiges Emai-Schild. Ich hielt. Da stand Alma Wiebach-Thompson, Musikpädagogin, Unterricht in Gesang, Klavier, Musiktheorie. Erster Stock, Sprechzeiten nach Vereinbarung. Im Treppenhaus sah ich viel Marmor-Imitation und es war entsprechend kühl. Ich stieg langsam empor und überlegte, was ich sagen sollte.
23:34
Eigentlich war es ein verdammter Blödsinn, meine Nase in diese Dinge zu stecken. Ich zog mannhaft einem Klingelgriff. In der Tiefe der Wohnung klappte eine Tür, eine zweite Tür, und dann näherten sich eilige trippelnde Schritte. Die Wohnungstür wurde aufgerissen.
23:50
Bitte sehr, mein Herr, womit kann ich dienen?
23:55
Der diese Worte sprach, war ein kleines, munteres Männchen von vielleicht 60 Jahren.
24:01
Um den kahlen Schädel stand ihm ein Kranz von weißen Haaren, wie Lorbeer auf einem Dichterhaupte. Sein Gesicht war faltig, der Mund etwas zu groß. Die Augen standen weit auseinander, glänzten fröhlich und schienen zu wissen, wie es auf dieser Welt aussah. Irgendetwas an diesem Kopf erinnerte mich an ein Bild, das ich kannte. Plötzlich wußte ich es. Schopenhauer, Schopenhauer II. Er wiederholte seine Frage. Womit kann ich dienen?
24:30
Entschuldigen Sie, Fiemanns, ich störe Sie wahrscheinlich sehr, aber ich sah unten das Schild. Es handelt sich um Klavierunterricht. Kann ich erfahren, wie...
24:37
Aber bitte sehr, mein Herr, bitte sehr. Treten Sie ein, mein Freund, treten Sie ein.
24:40
Danke sehr. Ich schritt mit eingezogenem Kopf über die Schwelle. Was zum Teufel sollte werden, wenn Alma gar nicht tot war? Ich sah mich schon am Klavier sitzen und Kreuztonachten üben. Schopenhauer schloss die Tür hinter mir.
24:57
Wir standen in einer mächtigen Diele. Mein Gastgeber trippelte nach rechts hinüber, schob einen Samtvorhang beiseite, und ich stand in einem erstaunlichen Zimmer. An den Wänden türmte sich bis unter die Decke Papier, unzählige Bücher und Broschüren in offenen Regalen. Die beiden Fenster der Tür gegenüber hatten keine Vorhänge, aber sie waren von außen von wirrem Weinlaub eingerahmt, das weit ins Zimmer hineinhing. Zwischen den Fenstern stand ein gewaltiger Schreibtisch, mit Papier und Büchern beladen, zu beiden Breitseiten je ein Ohrensessel mit brüchigem Leder überzogen.
25:31
Neben dem rechten Sessel reckte sich ein altertümliches Ferndrohr auf einem gespreizten Stativ zum Fenster hinaus. Die Tür, durch die ich gekommen war, wurde innen von zwei Marmorbüsten auf hohen Sockeln bewacht. Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer. Aha. Der alte Herr deutete auf den linken Sessel.
25:53
Dort ist ein Stuhl für Sie. Oh, danke. Erlauben Sie, dass ich mich erst einmal bekannt mache. Ich heiße Klein. Dr. Michael Klein.
26:01
Ich bin Arzt hier in der Stadt. Ja, ich habe es gerochen, mein Lieber. Sie gehen mit Medikamenten um, kein Zweifel. Setzen Sie sich doch. Danke sehr. Ich heiße Bibach, Professor Walter Bibach. Rektor. Leider im Ruhestand.
26:19
»Aha. Ein leibhaftiger Rektor. Ich dachte an mein altes Gymnasium. Klein, in der Pause zum Rektor. Tja. Und jetzt saß ich wieder vor einem und sollte ihm auch noch etwas vorlügen. Betragen mangelhaft.« Tja, lieber Doktor Klein. Entschuldigen Sie nochmals, Herr Professor, es ist nur eine Kleinigkeit. Ich hätte es Ihnen auch an der Tür sagen können, aber Sie waren so freundlich.
26:42
Das tut gar nichts, bester Doktor, gar nichts. Ich bin ein alter Mann, habe nur Bücher um mich herum und rede gerne mal mit einem jungen Menschen. Aber wenn Sie wegen des Unterrichts kommen, werde ich, so fürchte ich, nicht mehr viel für Sie tun können. Die Musiklehrerin war meine Schwester.
27:01
Sie ist, wie ich bedauere, sagen zu müssen, vor acht Wochen gestorben. Oh, das... Tja, nein, nein, nein, bleiben Sie nur, bleiben Sie nur. Es kommen sehr oft Leute wegen des Unterrichts. Und auch viele ihrer alten Schüler. Ja, ich muss nun endlich einmal das irreführende Schild entfernen. Aber bisher hatte ich zu viel anderes zu tun. Ja.
27:22
Tja, mit alten Sprachen und Literaturgeschichte könnte ich Ihnen dienen. Aber was die Musik betrifft, so hat die Natur diese Gabe in unserer Familie sehr einseitig verschenkt. Sehr, sehr einseitig. Wir sind eine alte Lehrerfamilie. Schon im 16. Jahrhundert sind Nachweise dieser Tätigkeit unserer Familie zu erbringen. Alles Schulmeister.
27:49
Sie müssen wissen, ich bin damit beschäftigt, eine Chronik unserer Familie zu verfassen. Interessant. Arbeiten Sie auch astronomisch? Ach, wegen des Fernrohrs hier. Wie? Na, ich beobachte zuweilenden Sternenhimmel. Aber ohne besonderen Ehrgeiz und nicht systematisch. Dennoch...
28:13
Man sieht so manches Aufschlussreiche. Ein alter Mann hat mitunter seltsame, wie sagt man da heute, Hobbys.
28:22
Auf jeden Fall haben Sie keinen Mangel an Beschäftigung. Wenn ich eines Tages im Ruhestand bin, werde ich wohl einzig die verschiedenen Rotweinsorten ausprobieren. Rotwein?
28:33
Ein verpflichtendes Wort. Ich werde uns ein Glas herbeiholen.
28:37
Ich sah verstohlen auf meine Uhr und versuchte einen lahmen Protest nicht zu machen. Er war schon an einem seiner Regale. Die Gläser liefen voll mit leisem Glucksen. Der Rotsporn war ausgezeichnet. Der Rektor hob sein Glas gegen das Fenster.
28:52
Ein edler Tropfen, in der Tat. Ich würde mehr davon trinken. Allein die Gesundheit verbietet es. Und der Arzt. Ein böser Mensch. Oh, sagen Sie das nicht.
29:03
Kennen Sie übrigens Herrn Doktor Leopold? Leider nicht. Er war auf meinem Gymnasium. Ich war über Jahre sein Klassenlehrer, ein ausgezeichneter Lateiner, das darf ich sagen. Auch das Griechische, wirklich, alle Achtung. Mit dem Deutschen, naja, hier waren die Leistungen weniger gleichmäßig. Wie dem immer sei, heute ist er unser Hausarzt, hat eine vortreffliche Praxis hier in der Nähe.
29:29
Trotz seiner Jugend ein gewissenhafter, sehr tüchtiger Arzt. Ich bin stolz auf ihn, wie ich mich freue, sagen zu können.
29:37
Zum Wohl. Zum Wohl, Herr Professor. Ja, der Ulrich Leopold. Übrigens hat er auch meine Schwester behandelt. Er hat sich alle Mühe gegeben, leider vergeblich.
29:57
Irgendwann steht die Uhr einmal still.
30:00
Woran ist Ihre Schwester gestorben, Herr Professor?
30:02
An einer Lungenentzündung. Denken Sie an einer Lungenentzündung. Aus heiterem Himmel, niemals krank gewesen. Ja, gewiss, es hat an kleineren Unpässlichkeiten nicht gefehlt, aber so ein rüstiges Mädel von uns beiden, weitaus die Gesündere, weitaus. Na, wenn ich da an meine labile Gesundheit denke... Sicher war Ihre Schwester bedeutend älter. Aber keineswegs, verehrter Herr.
30:26
Für wie alt halten Sie mich? Na? 66. Falsch. Weit gefehlt. 83. Ja, zum Wohl. Sehr zum Wohl, mein Bester. Meine Hochrichtung, Herr Professor. Ich, anstelle des Erziehungsdirektors, hätte Sie im Dienst belassen. Ja, man ist auch so jung geblieben.
30:51
Es ist der Geist, der sich den Körper baut und geistige Arbeiter hält. Mensch, medicus, nöster.
30:59
Der Geist, unser Arzt. Ich überlegte mir, wovon ich hätte leben sollen, wenn es überall so wäre. Wir tranken den letzten Schluck auf die Wissenschaft, dann erhob ich mich entschlossen.
31:11
Oh, Sie müssen aufbrechen.
31:13
Herr Professor, es ist ja nett bei Ihnen, aber leider habe ich noch ein paar Besuche zu machen. Erlauben Sie, dass ich mich jetzt verabschiede. Ich habe Sie sowieso schon viel zu lange aufgehakt.
31:21
Davon kann gar keine Rede sein, Doktor. Überhaupt keine Rede. Ihr Besuch hat mich außerordentlich erfreut. Wenn Sie wieder mal in dieser Gegend weilen, versäumen Sie nicht, mich abermals aufzusuchen.
31:33
Sehr gern.
31:34
Leben Sie wohl.
31:36
Er hatte wieder sein Faunlächeln im Gesicht und sah ungeheuer fröhlich aus damit. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hätte er meinen Schwindel mit dem Klavierunterricht längst durchschaut und wüsste genau Bescheid über den wahren Grund meines Auftritts. Warum hatte er mich bewirtet? Warum zum Teufel war er so fröhlich, wo seine Schwester vor zwei Monaten gestorben war?
31:56
Was wusste er von dieser Geschichte mit den toten alten Damen?
32:00
Sie haben mir eine angenehme Stunde beschert. Leben Sie wohl.
32:04
Gleichfalls, Herr Professor. Und nochmals vielen Dank.
32:07
Nicht die geringste Ursache.
32:09
Die Tür schnappte ein. Mein Wagen stand friedlich und stumm am Straßenrand. Ich schloss auf und ließ mich auf den Sitz fallen und dachte nach. Lungenentzündung. Nichts Besonderes im Frühjahr. Bei 77 Jahren schon gar nicht.
32:26
Genauso wenig wie die beiden kranken Herzen. Ich wollte zum Anlass ergreifen, als mir ein neuer Gedanke kam. Ulrich Leopold, der Musterschüler mit dem ausgezeichneten Latein und den ungleichmäßigen Leistungen im Deutschen. Und ganz in der Nähe. Ich startete, rollte los, fand schnell eine Telefonkabine. Es gab eine Menge Leopolds, aber ich fand den richtigen schnell, weil er Ulrich hieß und Doktor war und obendrein in der Mendelssohnstraße wohnte, also hier im musikalischen Viertel.
32:58
Ich entschloss mich nicht, vorher anzurufen. Nach kurzer Fahrerei hatte ich die Straße gefunden und das Haus. Ich hielt an und blieb im Wagen sitzen. Die gleichen Bedenken erfassten mich wie vorhin vor dem Klingelschild der toten Klavierlehrerin. Was war das für eine Idee, der ich nachjagte? In diesem Augenblick fuhr ein Auto an mir vorbei, das ein ganz naher Verwandter von meinem sein musste. Es war der gleiche alte Schlitten, mit verblichenem Lack und halbblindem Chrom. Er fuhr zur Bordkante heran und hielt fünf Meter vor mir.
33:31
Auf seiner hinteren Stoßstange, deren rechtes Horn melancholisch nach unten hing, sah ich ein kleines weißes Schild mit dem schwarzen Kreuz, dem Abzeichen unserer Gilde. Die linke Tür öffnete sich, herausstieg ein pausbeckiger junger Mann von vielleicht 28 Jahren. Er hatte semmelblondes, kurzgeschorenes Haar, trug eine Hornbrille und unter dem Arm eine Ledermappe, die der Meinen so ähnlich war wie mein Auto seinem Vordermann.
33:57
Sein Anzug war leicht zerknittert und schlug fröhliche Falten um die Figur. Kein Zweifel, das musste Ulrich der gute Lateiner sein. Er hatte seine Besuche abgeklappert, genau wie ich und nahezu im gleichen Auto. Trotz der vortrefflichen Praxis im Musikviertel schienen die Einnahmen zu einem neuen noch nicht ausgereicht zu haben.
34:17
Es gab mir neuen Mut, dass Ulrich es offenbar nicht weitergebracht hatte als ich. Er schien von meinem Kaliber zu sein.
34:24
Der Typ eines blasierten Hochschuldozenten hätte mich in die Flucht geschlagen. Ich stieg aus und knallte meine Tür zu. Er wandte den Blick zu mir und meinem Gefährt. Wir schlossen zu gleicher Zeit unsere Türen ab, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Ich lächelte und er lächelte zurück.
34:43
59, wie? Juli. Meiner August. Geht er noch einigermaßen?
34:49
Er gibt sich Mühe.
34:51
Braucht bloß eine Menge Öl. Wie viel drauf? 160. Und Sie? 180. Knapp. Ich sehe in Ihnen einen Leidensgefährten, Herr Kollege. Ach, Sie sind... Klein. Praxis Albrechtstraße. Sie sind Dr. Leopold. Das bin ich. Entschuldigen Sie, wenn ich nach des Tages Last und Mühe hier noch aufkreuze.
35:18
Aber wenn es Ihnen passt, hätte ich Sie gern kurz gesprochen.
35:22
Kommen Sie, Kollege. Kommen Sie. Bei Ihnen bin ich sicher, dass Sie mir keine Beschwerden schildern.
35:30
Wir marschierten zusammen die Treppe hinauf und traten ein.
35:34
Setzen Sie sich doch bitte.
35:35
Danke.
35:35
Einen kleinen Moment. Ich packe nur meinen Kram aus und mache ein paar Eintragungen.
35:40
Ich hockte mich in den Beschwerdestuhl und dachte nach, während er schrieb. Was sollte ich ihm erzählen?
35:48
Rainer Schwindel hätte keinen Wert. Früher oder später würde er den Rektor treffen und dahinter kommen. Er sah auch nicht so aus, als ob man ihm etwas vorlügen musste. Ich beschloss etwa, bei der Mitte zu bleiben. Er war fertig und sah auf.
36:03
So, das wär's für heute. Feierabend. Haben Sie was gegen Cognac?
36:08
Nicht, wenn der Blutspiegel unter 0,8 bleibt.
36:12
Wir können darauf achten. Schießen Sie los, Herr Kollege. Was drückt Sie?
36:18
Ja, was ich Sie fragen wollte, Herr Leopold. Es kommt Ihnen sicher komisch vor, aber... Ich erkläre es Ihnen hinterher, was los ist. Ich hatte eine Patientin. Und die war mit einer Dame bekannt, die in ihrer Behandlung stand. Ihre Patientin war Frau Wiebach-Thompson. Alma Wiebach-Thompson. Sie soll vor etwa acht Wochen gestorben sein. Stimmt, ganz recht. So, das ist also richtig. Was ich nun wissen wollte, ist Folgendes. Hatten Sie den Eindruck, dass das...
36:49
dass das ein ganz natürlicher Exitus war.
36:52
Das ist ein... Na, das ist vielleicht komisch, Kollege. Komisch? Sie sind der Dritte, der mich das fragt. Und mit Zweien hatte ich gerechnet, mich eingeschlossen. Nicht mit einem Dritten. Das ist wirklich komisch. Ist mir noch nie vorgekommen. Der Dritte? Ja, ich sage es doch. Der Erste war ein Herr namens Krompeter oder so ähnlich. Anwalt. Wollte dasselbe wissen. Erbschaftsangelegenheit. Wann kam er? Kurz nach dem Tode von Frau Wiebach. Und der Zweite? Der Zweite war Ihr Bruder.
37:23
Ein alter Lehrer von mir. Lange pensioniert. Sieht aus wie Schopenhauer, nicht? Den kennen Sie?
37:29
Aber Sie waren doch nicht auf meiner Schule, oder? War ich nicht, aber ich kenne ihn trotzdem. Erzähle Ihnen gleich, woher. Sagen Sie mir nur noch, wann kam der denn?
37:37
Das ist noch gar nicht so lange her. Deswegen war ich ja so erstaunt, dass heute schon wieder einer kommt und fragt. Es war am Samstag. Vergangenen Samstag? Vergangenen Samstag.
37:47
Ich trank langsam und stellte mir eine Frage. Warum war der Rektor erst jetzt gekommen? Warum nicht sofort nach dem Tod seiner Schwester wie Krombecher? Leopold kippte das edle Getränk in einem Schwung hinunter, setzte das Glas hörbar auf die Tischplatte.
38:08
Nun sagen Sie mir bloß, welches Spiel hier gespielt wird.
38:11
Ich sah ein, dass ich ihm für seine Offenheit allerhand schuldig war. Also erzählte ich ihm, was mir mit Jenny Herwig widerfahren war. Mechthilds Tante ließ sich aus, ebenso das Bild auf den Nachttischen mit den höheren Töchtern. Es war sicher, dass bei Alma Wiebach das gleiche Bild gestanden hatte, auch wenn Leopold sich nicht mehr daran erinnern würde.
38:29
Im Grunde eine alltägliche Geschichte.
38:32
Nur dieser Anwalt. Was will er?
38:35
Von der Schwester von Frau Herwig hörte ich beiläufig, dass eine ihrer Bekannten vor acht Wochen plötzlich gestorben wäre, eben diese Frau Wiebach-Thompson. Heute fahre ich hier herum und sehe den Namen in der Beethovenstraße. Die ganze Zeit hatte auch mich die Neugier geplagt, was dieser Anwalt Krompecher wirklich gewollt haben könnte. Deshalb ging ich rauf und stieß auf ihren Schopenhauer-Rektor. Und er erzählte mir von ihm. Ich weiß nicht warum, aber er tat es.
38:57
Ach, er ist eine rührende Seele, gar nichts Besonderes, dass er mit Ihnen redete.
39:01
Die ganze Schule kommt heute noch zu ihm. Würdige Herren, die schon Hosenträger brauchen und zu ihren Frauen Mutti sagen. Er drückt sie alle noch an die Wand. Mit Latein und Deutsch und mit der Gesundheit. So kam er mir auch vor.
39:13
Aber warum hat er diese Frage gestellt? Woher kommt denn die verdammte Idee, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre mit den alten Tanten? Ich fange auch an, neugierig zu werden. Sehen wir uns die Karte an. Er krammte die Karte heraus.
39:30
Alma Wiebach-Thompson, Geburtsdatum 28.01.80. Möglicherweise die älteste meiner Damen und gerade noch in deren Klasse reingerutscht. Wohnung Beethovenstraße 6, Ehemann schon vor acht Jahren gestorben. Sie war in den letzten Jahren immer mal zur Allgemeinuntersuchung bei Leopold gewesen. Nichts Besonderes, keine Befunde.
39:56
Er hatte hin und wieder Besuche gemacht, sich nach dem Wertenbefinden erkundigt und mit dem Rektor Rotwein getrunken. Ich konnte mir den Verlauf vorstellen. Und dann kam der Kladderadatsch. Anfang März Grippeinfekt, Grippe Bronchitis. Erst Pillen, dann Antibiotika, dann Unterstützung des Kreislaufs. Krankenhauswirt abgelehnt. Immer häufigere Besuche, trotzdem Bronchopneumonie. Feinblasige klingende Rasselgeräusche über den Unterfeldern, dann überall.
40:24
Zuletzt Tag und Nacht, Eilbesuche in dichter Folge, Kreislauf miserabel, fürs Krankenhaus sowieso zu spät. Und dann am 18. März das Kreuzchen, sauber gemalt und der Vermerk Exitus Letalis, Totenschein ausgestellt, Sektion nicht beantragt. Wir hoben die Köpfe zur gleichen Zeit und sahen uns an.
40:52
Ja, das war's. So wird man an seine Erfolge erinnert. Aber im Krankenhaus wäre es auch nichts mehr geworden. Es war eben zu spät. Sie war immer gesund gewesen, ihre Vitalkraft hatte bis dahin gereicht und nun war Schluss. Was ist daran unklar?
41:08
Nichts. Aber wie kommt der Alte jetzt auf einmal darauf, daran zu zweifeln? Und warum rennt dieser Krompächer überall herum und schnüffelt nach unnatürlichen Todesursachen?
41:18
Hatten Sie viele Grippefälle hierherum im Frühjahr?
41:21
Nicht mehr als normal. Mancher hat eben Pech. In diesem Fall war es Alma. Und so habe ich es auch dem Alten gesagt. Na kommen Sie, Kollege. Nehmen wir noch einen, bevor er sauer wird. Einverstanden. Lassen wir die Toten tot sein. Das ist dein Wort. Wünschen wir uns auch ein so gesegnetes Alter wie unsere alten Damen. Dann soll hinterher fragen, wer will.
41:44
Er brachte mich bis vor die Haustür. Viel hatte ich nicht erfahren, trotz seiner bewundernswerten Offenheit. Eine banale Lungenentzündung, nichts weiter. Drei tote alte Damen, zwei Kollegen, ein pensionierter Rektor und ein Rechtsanwalt. Kein Zusammenhang. Luft, wo man hinfasste.
42:23
Mechtels Gesicht am nächsten Morgen war ein bisschen blass. Aber sonst schien sie in Ordnung.
42:28
Guten Morgen, Herr Doktor. Na nun, was gucken Sie denn so komisch?
42:34
Man wird doch noch gucken dürfen. Schließlich waren Sie einen ganzen Tag nicht da. Ich muss mir Ihr Bild neu einprägen. Ist denn die Mama gekommen?
42:43
Ja, sie ist noch da. Bleibt auch noch ein paar Tage.
42:45
Sehr schön. Na, ich gehe Ihnen aus dem Weg. Ach, Mechtelt, was ich Sie noch fragen wollte. Ja?
42:53
Waren eigentlich welche von den Schulfreundinnen da? Ich meine, von denen auf dem Bild, wissen Sie?
42:57
Ja, natürlich, das hätte ich beinahe vergessen. Die ganze Zeit habe ich überlegt, was ich Ihnen noch erzählen wollte. Ich habe sie gesehen, die zwei anderen. Mama hat sie mir gezeigt und mich ihnen vorgestellt.
43:06
Tatsächlich?
43:06
Ja. Und die eine kennt sich sogar, Frau Lentzim. Sie sind doch bei ihrer Schwester gewesen, bei dieser Frau Herwig. Das war auch eine von denen auf dem Bild, die vor einer Woche gestorben ist. Erinnern Sie sich nicht?
43:18
Na, sowas.
43:19
Frau Lentzim will bald kommen und sich untersuchen lassen. Ich glaube, sie hat Angst, es könnte ihr so gehen wie den beiden anderen.
43:26
Früher oder später sicher.
43:28
Wieso?
43:29
Na ja, in dem Alter, wie sahen die Zweite aus?
43:35
Da hätte ich beinahe gelacht, trotz des traurigen Anlasses. Aber dann tat sie mir leid. Sie ist ganz anders als Tante Bertha und Frau Lansom. Wie soll ich sagen...
43:48
Sie sieht ein bisschen dumm aus, wie sie sich angezogen hatte. Einen Kapotthut hatte sie, mit einer unmöglichen Nadel. Dabei sieht sie viel jünger aus als die anderen. Gesünder. Und trotzdem...
44:01
Was? Trotzdem?
44:03
Sie hat gehört, dass Frau Lenzum zu Ihnen kommen will und dass Sie auch bei Ihrer Schwester waren und bei Tante Bertha. Und weil ich hier arbeite, will sie jetzt auch zu Ihnen kommen. Zur Untersuchung. Wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen.
44:15
Dorothea Lindemann.
44:17
Die einzige, die mir noch fehlte, das war sie. Und ich musste sie nicht suchen. Sie würde zu mir kommen von selbst. Und schon in den nächsten Tagen.
44:27
Sollen wir jetzt anfangen?
44:29
Ja, fangen wir an. Moment, da fällt mir noch etwas ein. Haben Sie gestern unter den Leuten auf dem Friedhof einen alten Herrn gesehen? Klein, großer Schädel, weißer Haarkranz.
44:40
Sieht aus wie der Zwergenkönig aus Grimms Märchen. Gar nichts übersehen.
44:44
Den habe ich gesehen. Er hat auch mit Frau Lenzum gesprochen. Er war so klein und hatte eine furchtbar große Hutkrempe. Bestimmt war er das. Woher kennen Sie den?
44:53
Ach, von Frau Lenzum her. Irgendein Bekannter aus dem gleichen Jahrhundert.
44:59
So, und nun rein mit dem ersten Kunden.
45:02
Ja, sofort.
45:06
Die Patientin kam, aber meine Gedanken waren 30 Stunden zurück. Der Alte. Früh war er bei der Beerdigung gewesen, und am Nachmittag tauchte ich bei ihm auf, erzählte etwas von Klavierunterricht und fragte nach seiner Schwester. Kein Schatten von einem Zweifel, dass er sofort gewusst hatte, wer ich war. Er kannte die Schulfreundin, er hatte auch Jennys Beerdigung mitgemacht.
45:35
Agnes Lenzem hatte ihm von mir erzählt, bestimmt hatte sie das. Und ebenso hatte er gestern Vormittag erfahren, dass ich auch bei Tante Bertha gewesen war. Meine Länge war mein Steckbrief, daher seine Gastfreundschaft und sein Faunlächeln die ganze Zeit. Welche Rolle spielte er bei alledem? War er auf dem gleichen Weg wie ich oder auf einem anderen?
46:06
Die Patientin ging. Andere Leute kamen und gingen wieder. Ich redete und schrieb wie ein Automat. Meine Gedanken zogen immer den gleichen Kreis. Es musste einen Weg geben, weiterzukommen. Da war doch dieser Krompächer, der emsige Anwalt. Er hatte mich überfallen und mir Fragen gestellt. Warum sollte ich nicht das Gleiche bei ihm tun? Er musste einen Grund haben für seine Schnüffelei.
46:35
Ein unangenehmer Weg. Aber ich musste ihn gehen. Seine Praxis lag im Zentrum, in so einem neuen Glaspalast. Zu beiden Seiten des Portals türmten sich glänzende Messingschilder. Import, Export, Verlage, Film, Vereinigte Waldstahl. Und dann Krompecher, Büro, fünfter Stock, Sprechzeit nach Vereinbarung.
47:02
Während mich der Lift lautlos nach oben hob, rechnete ich mir meine Chancen aus, Krompecher anzutreffen. Oben wies ein Messingpfeil die Richtung. Ich schlenderte durch den Gang und landete vor einer soliden Tür mit Krompechers Namen und Beruf. Es war kein Geräusch einer Klingel zu hören, wie ich den Knopf drückte, aber nach kurzer Zeit schnarrte es im Schloss und die Tür gab nach. Ich trat über die Schwelle und sah in die tiefbraunen Augen einer Titelblattschönheit, Sie blickte mich an, als hätte sie den ganzen Vormittag nur auf mich gewartet und wäre vor Sehnsucht schier vergangen.
47:37
Vor ihr standen zwei Telefone. Zwischen silbernen Fingernägeln hielt sie einen Kugelschreiber mit lässiger Anmut. Auch aus Silber.
47:46
Guten Tag. Sie wünschen bitte?
47:49
Guten Tag. Ich bin Dr. Klein und hätte gern Herrn Dr. Krompecher gesprochen, wenn sich das machen lässt.
47:55
Sind Sie ein Kollege?
47:57
Meinen Sie, dass mir ein Talar steht?
47:59
Wenn Sie mir vielleicht sagen wollten... Ich bin Arzt.
48:02
Ich brauche eine Auskunft von Herrn Dr. Krompecher.
48:05
Ich weiß nicht, ob der Herr Doktor Sie noch dran nehmen kann. Es warten noch zwei Klienten und dann muss er zum... Dann muss er zum Gericht. Ja.
48:13
Wenn Sie sich angemeldet hätten... Dann müsste er jetzt auch zum Gericht. Ich kann nicht eher kommen. Der Herr Rechtsanwalt war neulich bei mir, genauso unangemeldet wie ich. Ich habe ihn auch noch dran genommen.
48:25
Ich kann es versuchen, Herr Doktor, aber ich kann Ihnen nichts versprechen.
48:28
Immer dasselbe bei den Frauen. Sagen Sie ihm bitte, es handelt sich um Frau Herwig. Jenny Herwig.
48:34
Bitte, nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Sie werden aufgerufen.
48:38
Ich bedankte mich höflich und entfernte mich aus dem Bann ihrer Glutaugen. Das Wartezimmer machte einen bedeutend gepflegteren Eindruck als meins. Zwei Klienten saßen da und starrten vor sich hin, als wären sie beim Zahnarzt. Ich grüßte sie und ließ mich im nächsten Stuhl nieder.
48:55
Sie murmelten nur leise. Keine anregende Gesellschaft. Also begann ich in den Zeitungen und Broschüren herumzublättern, die auf dem Tisch lagen. Ich las lustlos durcheinander, sah amtierende Monarchen mit ihren Frauen und abgedankte mit ihren Freundinnen Sportskanonen, Schlagersternchen und Überschwemmungen.
49:16
Ein Provinzplatz lag herum. Das Land hatte auch etwas zu bieten. Ich wurde informiert, dass der Blitzschlag die Scheune des Bauern Heinrich vernichtet hatte. Brandstiftung erschien er jedoch nicht ausgeschlossen. Die Hochwassergefahr wäre gebannt. Zum diesjährigen Schützenkönig sei Karl Feurer aus Schöpfen avanciert. Unterm Strich im Unterhaltungsteil war ein Roman, »Wenn die Bergglocken läuten«. Und ganz hinten stand noch eine Kurzgeschichte. »Mr. Crane geht an Land«. Ich las.
49:50
Auf einmal fühlte ich nichts mehr um mich herum. Ich merkte nicht, wie die anderen aufgerufen wurden. Ich las die Geschichte noch einmal und dann sah ich, dass ich allein war. Ich starrte die Zeitung an. Es war ein alltägliches Provinzblatt, kleines Format, grobes Papier, schlechter Druck. Hinten stand eine Kurzgeschichte, wie Millionen andere in allen Zeitungen jeden Tag. Aber plötzlich ahnte ich...
50:19
wie Mechthils Tante gestorben war. Es war nicht ein altes Herz, das aufgehört hatte zu schlagen. Es war Mord.
50:36
Musik
50:52
Wolfram, bevor wir gleich zu Esper Mord kommen, sitzt du auch im Wartezimmer beim Arzt und wenn du die Wahl hast zwischen Galabunte oder sonstiger Sun Press, dass du die Kurzgeschichte wählst? Nein. Das fand ich noch herrlich.
51:14
Sehr schön, ja. Ich nehme immer den Gedichtewand.
51:17
Ach ja, genau, entschuldige. Auch schön, dass in dieser Zeitschrift ja zwei literarische Werke abgedruckt waren.
51:23
Aber ich muss schon noch sagen, ich...
51:26
Wenn ich beim Arzt bin oder bei der Ärztin, finde ich es schon schön, im Wartezimmer dann eben nicht aufs Handy zu sterren, sondern diese Druckerzeugnisse, die da rumliegen, durchzupflettern. Das mache ich wirklich gerne. Was auch immer es dann ist, aber auch irgendwie Autozeitschrift, ist mir echt egal. Ich habe das alles gerne.
51:40
Es hat sich aber leider geändert, weil ich erinnere mich, dass es in Jugendzeiten quasi die einzige Gelegenheit war, mal so ein bisschen, ich habe gerade Sunpress gesagt, ich meine natürlich Yellowpress, Dort reinzuschauen hatte man, oder wir hatten es nicht zu Hause, aber jetzt beim Arzt ist es meistens anspruchsvollere Literatur oder eine, die mich zum Spendenaufruf bringen möchte oder Wohneinrichtungen, die ich mir nicht leisten kann. Und das ist natürlich jetzt hier auch, Dr. Klein sitzt ja nicht im Wartezimmer eines Arztes, sondern eines Rechtsanwalts.
52:12
Stimmt. Es entwickelt sich ganz schön. Er hat ja wenig Anhaltspunkte am Anfang, aber wie er doch sagt, da könnte ich nachfragen und dort gehe ich hin, um wie sich das aufbaut.
52:23
Stimmt total. Man geht wirklich gut mit. Bei jedem kleinen, vielleicht so ein bisschen der Anti-Sherlock-Holmes, wo man immer nicht versteht, wie er zu seinen Schlüssen kommt. Aber hier ist man wirklich bei jedem kleinen Schritt dabei und kann es nachvollziehen.
52:38
Natürlich auch.
52:41
Dankbarer Zufall, dass Melchthilds Tante oder dass Melchthild bei ihm arbeitet.
52:46
So Sachen gibt es dann auch.
52:48
Mir hat die Szene gefallen, wie er genau eben zu Mechthild kommt, als die Tante gestorben ist. Und auch wie er sie tröstet, begleitet, finde ich jetzt gut.
53:01
Nicht nur ein Arschloch, meinst du?
53:02
Nee, da kam mir das Zitat, mir wirklich leid, deshalb bekam ich nichts heraus. Das ist ein Moment von Reflexion, sonst immer nur Sprüche klöpfen und da vielleicht mal in einem Moment nicht noch irgendeinen Witz machen. Fand ich auch eine schöne Beobachtung.
53:17
Man bekommt dann eben mal nichts heraus, wenn man wirklich getroffen ist und kann nicht immer Souveränität vorspielen mit seinem Wortwitz.
53:24
Genau, das macht das Ganze dann doch nicht unmenschlich. Auch danach gibt es ja gar nicht so große Szenen zwischen ihr und ihm, aber dass sie jetzt eine Form von Verbundenheit haben, besseres Verständnis füreinander und nicht nur so...
53:39
Balzen oder aufeinander einhacken. Das ist schön glaubwürdig erzählt. Ich habe mich noch gefreut, dass mit Schopenhauer und mit dem Hausarzt der Tante jetzt quasi die Pendants zu den alten Damen aufs Parkett getreten sind. Die gute alte Zeit lebt auch in den Herren weiter, ob in der Kleidung oder ihren lateinischen Sprüchen oder Ehrerbietungsbezeichnungen Kollegas und so.
54:04
Ich werde mal noch, also das finde ich eh lustig. Kollegas ist so lustig. Ich denke da halt an den Deutschrapper-Kollega, wenn ich den Namen höre. Und dann kommt auch immer wieder der Begriff vor, haben sie digitalisiert, glaube ich.
54:18
Ja genau, digital ist von dem Medikament, genau.
54:21
Finde ich immer auch wunderbar, wie so dieselben Begriffe dann weiterwandern jetzt ganz anders klingen.
54:25
Wie lustig, dass du solche Assoziationen im Moment machst. Mir sind beide jetzt nicht aufgefallen beim Hören.
54:31
Digitalisieren.
54:32
Ich laufe noch ein bisschen mehr ein, wie du digitalisierst. Und was uns aber auch schon bekannt sein sollte aus der letzten Visite, ist der lockere Umgang von Medizinern mit Alkohol. Ja. Da wird gerne, ab Mittag wird gepichelt.
54:45
Das ist so. Ja.
54:47
Auch mit den Kollegen. Der gute Cognac.
54:51
Schön wiederum, ich glaube, ich werde es jetzt jedes Mal als kleine Rubrik machen. Einfach so ein Wortwitz, der mir aufgefallen ist. In einem Espresso trank ich einen kräftigen Kaffee. Super. Zwar einfach, aber so gut. Oder auch mal ein bisschen ernster gemeint. Er sagt dann am Schluss ja, Er berichtet über die Ermittlung und sagt, Luft, wo man hinfasste. Finde ich gut, bekommt nie was zu fassen. Könnte man so einfach sagen, aber nein, Luft, wo man hinfasste. Schön.
55:20
Also ich freue mich, wenn du das für alle fünf Folgen durchziehst und nochmal so die Highlights uns mitgibst, dann bleiben sie auch mir im Gedächtnis, wenn ich das sonst überhöre und mir eher vorstelle, ich würde damit durchs Zimmer laufen oder vielleicht auch irgendwo liegen. Jetzt sind wir ja schon in der Krimi-Geschichte drin, es war Mord. Das ist das vage Bauchgefühl des ersten Teils, scheint sich ja bei ihm manifestiert zu haben in der festen Theorie.
55:49
Und genau wirklich auch für mich auch sprachlich ein Highlight, dass so, man ist ja ganz lange in dieser Arztwelt, eben wie gesagt mit so Verdachtsmomenten, Instinkt, Bauchgefühl. Aber so einen zweiten Teil aufzuhören mit Es war Mord, finde ich einfach gut. Könnte auch die Überschrift sein für den Krimi-Podcast.
56:06
Das habe ich auch gedacht für deinen Schlusssatz. Und dann habe ich aber gedacht, nee, das gibt es schon. Aber ja, der ist super.
56:12
Auch was mir gut gefallen hat, nur kurz Schopenhauer. Die Szene ist ja auch sehr lang und wird sehr zelebriert. Dass man im Nachhinein so andere Informationen über ihn bekommt. Und dieses ganze harmlose Rotweingesüffel. Denkt, das muss aber ein verschlagener Hund sein. Spannend.
56:32
Sehr gut. Total. Umso harmloser es daherkommt, umso größer dann die Verblüffung der Verdacht. Wirklich gut.
56:44
Du, nächste Woche geht es weiter. Wir sind jetzt ja schon bei drei toten alten Damen.
56:51
Absolut, da stimmt doch was nicht. Vielleicht ist die fünfte Folge nachher nur Friede, Freude, ein großes Fest.
56:58
Oder die hat ja noch einen anderen Titel.
57:02
Oder der Titel schickt uns vollkommen in die Irrwege und am Schluss sind sechs Tote alte Damen.
57:06
Die Möglichkeiten sind vielfältig. Bis nächste Woche. Bis zum nächsten Mod.
57:25
Das war ein Podcast von SRF.
57:27
Produziert im Auftrag der SRG.